Economics of mediation – Mediationsökonomie?

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Mediationsökonomie

 

Wenn schon die Rechtsökonomie eine Orchideendisziplin ist, was bitte soll dann Mediationsökonomie sein? Oder noch ein Schritt zurück: was könnte Mediationsökonomie überhaupt sein?

In der ministeriellen Ausbildungsverordnung für Zivilrechtsmediatoren findet sich ein Abschnitt ‚Grundzüge ökonomischer Zusammenhänge’. Ohne tiefere Erläuterungen was denn in diesen Grundzügen unterrichtet / erlernt werden solle. Immerhin 20 Einheiten sieht die Verordnung dafür vor. Eine kleine Rundfrage unter Bekannten, was sie denn in ihrer eigenen Ausbildung aus den ‚Grundzügen ökonomischer Zusammenhänge’ mitgenommen haben, wurde meist mit Schulterzucken oder hilflosem In-die-Luft-blicken beantwortet. „Da war was mit Kurven und dann noch Steuern, oder? Es ist schon lange her.“

Das ist bedauerlich, denn – wie wir gleich ein wenig detaillierter sehen werden – beschäftigen sich Ökonomen nicht nur mit Input/Output-Modellen und volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung, sondern eben sehr intensiv auch mit individuellem Verhalten. Und dies in ganz verschiedenen domains.

Soviel zur Ausgangslage der Konzeption des Kurses ‚Grundzüge ökonomischer Zusammenhänge – Teil 1’.

Ökonomie als die Lehre der Haushaltsführung

Der Begriff der Ökonomie kommt bekanntermaßen aus dem Griechischen oikonomia (Haushaltung, Verwaltung) bzw oikos (Haus) und nomos (Lehre, Gesetz). Die Ursprünge des ökonomische Denkens liegen daher in der Knappheit der Güter, im optimalen Einsatz dieser knappen Ressourcen, in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen als auch in deren Distribution.

Alles das ist noch weit weg von einer Mediation oder von Verhandlungen. Oder?

Die Mikroökonomie als ökonomische Analyse menschlichen Verhaltens

Der Untersuchungsgegenstand der Ökonomie

Ganz soweit wie es zunächst scheint, liegt die Sache nicht entfernt. Denn die Fragen, die sich für die haushaltsführende Person stellen, könnten ganz banal folgendermaßen aussehen: Soll ich – mit dem gegebenen Einkommen – mehr Butter oder mehr Brot kaufen? Soll ich etwas Geld zur Seite legen oder Kleidung kaufen? Soll ich einen Urlaub buchen oder den Hauskredit zurückzahlen. Oder soll ich ins Bordell gehen oder mit meiner Gattin ins Theater?

Noch einfacher: Soll ich A oder B tun. Was nützt mir eher?

Spätestens an dieser Stelle (A oder B?) ist der Untersuchungsgegenstand nicht mehr auf die Führung eines Haushalts oder eines Unternehmens beschränkt. Vielmehr können A und B für jedwede Handlungsoption einer Person stehen.

Zum Beispiel könnte A bedeuten: ich will heiraten und B: ich möchte Single bleiben. Oder A: wir möchten Kinder bekommen und B: wir möchten DINKS bleiben (double income, no kids). Oder A: ich werde Bankräuber versus B: ich gehe einer geregelten Arbeit nach.

Das ist eine spannende Frage! Warum könnte sich jemand für eine kriminelle Karriere ganz bewusst, nach sorgfältiger Überlegung und nach Abwägung aller Vor- und Nachteile entscheiden? Wir sehen uns das weiter unten an.

Zunächst aber halten wir fest: ökonomische Erklärungen sind grundsätzlich auf weite Bereiche des menschlichen Verhaltens anwendbar. Zumindest ist eine ökonomische Analyse denkbar.

Ökonomische Modelle beruhen außerdem auf sehr einfachen Annahmen. Wenn wir uns die eingangs angeführten Sätze ansehen, dann finden wir dort Anhaltspunkte. Wir haben gesagt, es gäbe ein ‚gegebenes Einkommen’. Die haushaltsführende Person überlegt sich, welche Alternative (A oder B) ihr am meisten ‚nützt’. Wenn diese Person überlegt, was ihr am meisten nützt, dann kann man auch sagen: sie lässt sich von ihrer Vernunft leiten; sie handelt ‚rational’ (ratio = Vernunft, Erklärung).

Eine ökonomische Analyse ist auch für Mediationen anwendbar

Mediationen sind nicht nur Flow, Rapport, Empathie oder Verständnisschaffen. Vielmehr werden im Zuge einer Mediation ganz rationale Entscheidungen getroffen. Zum Beispiel, ob die Medianten überhaupt eine Mediation in Anspruch nehmen, überhaupt einen Mediator aufsuchen, überhaupt zum Erstgespräch erscheinen.

Die Medianten haben verschiedene Alternativen. Weiterstreiten (A) oder klagen (B) oder sich selbst einigen (C) oder eben eine Mediation versuchen (D). Die (noch nicht) Medianten unterliegen gewissen Restriktionen. Sie haben nicht unendlich Zeit und nur ein gewisses Budget. Die Medianten überlegen sich, welche Alternativen im konkreten Streitfall möglich sind (rationales Vorgehen) und welche der 4 Alternativen die beste für sie wäre (Nutzen, Nutzenmaximierung).

Schon die Entscheidung, ob überhaupt eine Medition in Anspruch genommen werden soll, kann als ökonomische Erklärung versucht werden darzustellen.

Mindestens genauso spannend (für Ökonomen) könnte es gegen Ende der Mediation werden. Nämlich dann, wenn die Medianten verschiedene Lösungsoptionen entwickelt haben und sich die Medianten für die eine oder andere Option entscheiden sollen. Im ALPHA-Modell der Mediation also in der H(eureka)-Phase.

Warum?

Eine der Grundannahmen der Mediation (so wie des Harvard-Modells) ist, dass sich hinter den Positionen der Parteien Interessen (Bedürfnisse) verstecken. Eines der Ziele von Verhandlungen und Mediationen ist es daher, diese dahinter liegenden Interessen offenzulegen. Die erzielte Transparenz erweitert schlussendlich die Anzahl der Lösungsmöglichkeiten.

Beispiel: Position „Ich will einen Zaun.“ – Interesse „Ich will mehr Sicherheit.“. Während es bei der Position „Zaun“ nur 2 Lösungsmöglichkeiten gibt (nämlich Ja oder Nein), kann ein Sicherheitsinteresse auf viele Arten erreicht werden.

Die aus den Positionen herausgeschälten Interessen einer Partei könnte man ökonomisch auch als – zumindest – reduzierte Informations-Asymmetrien bezeichnen. Eventuell könnte man die ganze Mediation oder das Herausschälen der Interessen als Transaktionskosten darstellen.

Kommt es gegen Ende der Mediation zur Auswahl einer Lösung des Konflikts (Heureka), so bietet sich auch hier eine schöne Anwendung ökonomischer Erklärungsmodelle an. Vor allem die Spieltheorie könnte sich in vielen Fällen als brauchbares Modell erweisen.

Marktversagen für Mediatoren

Von einem Marktversagen spricht man, wenn sich aus dem freien Spiel der Marktteilnehmer ein suboptimales Ergebnis ergibt (ein nicht ‚pareto-effizientes’ Ergebnis).

Was könnte das für uns bedeuten?

In Verhandlungen und Mediationen könnte dies eine Vereinbarung sein, in denen beide Seiten schlechter gestellt werden als sie sein müssten. Oder es wird gar keine Vereinbarung erzielt, obwohl eine für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarung getroffen hätte werden können. Das kommt Ihnen wahrscheinlich bekannt vor.

Ich denke, gerade die Neue Institutionenökonomie hat einige interessante Erklärungen für ein solches Marktversagen (vulgo Scheitern der Verhandlung / Mediation) gebracht. In diesem Zusammenhang seien an dieser Stelle nur die Transaktionskosten und asymmetrische Informationen angeführt.

Transaktionskosten in der Mediation

Hinter dem ein wenig geschwollenen Begriff der ‚Transaktionskosten’ verbirgt sich nicht mehr als die Feststellung, dass jede Handlung kostet. Informationen zB gibt es nicht kostenlos, denn sogar eine Google-Suche kostet (nämlich Zeit) und birgt das Risiko völlig falsch informiert zu werden.

Nehmen wir an, für ein scheidungswilliges Pärchen gibt es 3 Alternativen. Eine einvernehmliche Scheidung beim Mediator (A), eine einvernehmliche Scheidung verhandelt von den jeweiligen Anwälten (B) und eine streitige Scheidung (C). Und wir nehmen für unser Beispiel an, Variante A ist besser als Variante B und Variante B ist besser als Variante C. A ist auch besser als C.

Kurz: Variante A – einvernehmliche Scheidung beim Mediator – wäre also für beide Seiten die beste Lösung.

In unserem Beispiel kommt es aber nicht dazu. Sondern es kommt zu Variante B. Wie konnte das passieren?

Die Transaktionskosten könnten eine Antwort sein. Nehmen wir an, nachdem sich die beiden auf eine Mediation verständigt haben, stellte sich heraus, dass sie sich eigentlich von einem Mediator etwas anderes (‚mehr Engagement’) erwartet haben. Eigentlich wollten die beiden, dass der Mediator ihnen aktiv bei der Lösung der strittigen Punkte hilft. Darf er aber nicht. Das herauszufinden hat schon einmal ein paar Tage und mehrere Telefonate gedauert. Dann mussten sich die beiden auf einen Mediator einigen. Der erste war kurzfristig verhindert, der zweite gefiel ihm nicht, der dritte ihr nicht und der vierte wollte eine Scheidung nur in einer Co-Mediation anbieten (also mit einem weiteren Mediator). Die Terminkoordination zwischen den 4 Personen erwies sich dann aber rasch als zu kompliziert. Nach 3 Wochen Suche und Erst-Gesprächen, reichte es dem Ehemann.

Er nimmt einen Anwalt, denn er kann sich mit sich selbst sehr einfach auf einen Anwalt einigen. Die Terminkoordination mit seinem Anwalt geht easy-cheesy. Mag auch eine Mediation eigentlich die bessere Lösung sein, dieses im-Kreis-laufen, ist ihm jetzt zu blöde.

Anders ausgedrückt, die ex-ante Transaktionskosten (= der Aufwand, um überhaupt einen passenden Mediator zu finden und sich auf einen zu einigen), wurden zu hoch. Transaktionskosten müssen demnach keine geldwerten Kosten sein.

Nehmen wir an, alle Erstgespräche waren kostenlos und die beiden haben für die Erstgespräche auch sonst keine Ausgaben getätigt. Und trotzdem hat es für die beste Alternative nicht geklappt.

Auflösung von Informationsasymmetrien in einer Mediation

Konflikte können entstehen und Verhandlungen können scheitern, weil den Parteien unterschiedliche Informationen vorliegen. Diese Asymmetrien können sich auf den Verhandlungsgegenstand, auf die Absichten oder Handlungen des Gegenübers etc beziehen. ‚Scheitern von Verhandlungen’ kann auch bedeuten, dass man sich zwar einigt, aber nicht die optimale Lösung für beide Seiten findet („win-win“).

Nehmen wir wieder ein einfaches Beispiel zur Erläuterung her. Ein Haus mit 4 Wohnungseigentümern. Die Bewohner des Erdgeschosses installieren eine private Videoüberwachung. Das passt den anderen Eigentümern nicht, denn sie fühlen sich beobachtet.

Es kommt, wie es kommen muss. Auf eine mehr oder weniger höfliche Aufforderung, diese Anlage wieder einzupacken, folgt zunächst ein „Ich will aber“ und dann „Ich darf aber“ und dann noch schlimmer: „Ich habe das Recht dazu“. Die anderen Eigentümer konsultieren eine rechtsfreundliche Vertretung. Und, weil sie dazu auch irgendetwas im Internet gelesen haben, regen sie bei den Behörden eine Verwaltungsstrafe an. Hilft’s nicht, schadet’s nicht, denken sie sich.

Es bedarf nicht viel Phantasie um sich den weiteren Verlauf auszumalen.

Dabei wollten die Bewohner des Erdgeschosses nur ihr Eigentum schützen und die anderen Bewohner wollten nicht beobachtet werden. Eine Lösung für beide Interessen wäre möglich. Und doch gab es eine ‚Informations-Asymmetrie’ bezüglich der Intentionen. Die einen dachten, man will sie heimlich beobachten und die anderen dachten, man will ihnen unberechtigt etwas untersagen.

Diese Informations-Asymmetrien können sich auflösen lassen. Manchmal in einer Mediation. Denn dort, wie oben erwähnt, trennt man Interessen von Positionen. Die Positionen sind hier klar diametral (Stehenlassen bzw Abbau der Videoüberwachung). Das Interesse des Eigentumsschutzes dagegen bleibt ‚hidden’. In einer Mediation würde dies wohl einfach und kostengünstig aufgelöst und man würde eine optimale Lösung für beide Seiten finden.

Die Parteien haben sich aber für den eskalierenden Weg entschieden. Hätte ein wenig Mediationsökonomie helfen können?

Spieltheorie für Mediatoren

Neben den bekannt-plumpen Verhandlungsergebnissen („win-win“, „win-loose“ und „loose-loose“) gibt es Kategorien, für die es meines Wissens keine knackige Bezeichnungen gibt. Und die trotzdem häufig vorkommen und die jeder kennt. In der Spieltheorie spricht man von Lösungen, die zwar im Gleichgewicht aber nicht im Optimum liegen. Das bedeutet verkürzt: wer sich bewegt, kann nur mehr verlieren. Würden sich beide bewegen oder hätten sich beide bewegt, gebe es eine für beide Seiten bessere Lösung.

Das klassische Beispiel dazu ist das Gefangenen-Dilemma. Ein Spiel bei dem beide die Tat gestehen und keiner von dieser Strategie abweichen kann ohne schlechter auszusteigen. Obwohl es optimal für beide wäre, die Tat gemeinsam zu leugnen. Das Gefangenen-Dilemma eignet sich aber schlecht als Beispiel für Verhandlungen. Daher konstruieren wir ein anderes Beispiel (und entspricht auch nicht so ganz dem Aufbau von Spielen in der Spieltheorie).

Ein Unternehmen verhandelt eine Vertragsverlängerung mit einem Lieferanten. Der Lieferant hat schon seit einiger Zeit auf seine eigenen gestiegenen Bezugskosten hingewiesen und diese ausführlich dargelegt. Bei der Vertragsverlängerung legt der Lieferant daher auch einen weit höheren Preis für die kommenden 5 Jahre vor. Der Lieferant weiß, dass das Unternehmen immer auf 5 Jahre kalkuliert.

Das Unternehmen möchte eigentlich beim derzeitigen Lieferanten bleiben, hat sich aber wegen der Preissteigerung ein zweites Angebot eingeholt. Dieses liegt 15% unter dem ‚last and best offer’ des derzeitigen Lieferanten. Die Umstiegskosten für den Wechsel des Lieferanten sind allerdings hoch. So hoch, dass sich ein Lieferantenwechsel trotz der niedrigeren laufenden Kosten in 5 Jahren nicht rechnet. Der alternative Lieferant hat glaubhaft nachgewiesen, dass er trotz des niedrigeren Preises ausreichend profitabel arbeitet und sich ‚den Deal nicht kauft’. Beide Lieferanten erwirtschaften mit ihrem Preis eine Marge von 10%.

Im Ergebnis wird das Unternehmen bei seinem derzeitigen Lieferanten bleiben. Würde es den Lieferanten wechseln, kommt der Umstieg auf 5 Jahre gesehen teurer. Auch der Lieferant wird sein ‚last and best offer’ halten. Wenn er sich preislich nach unten bewegt, kann er nur verlieren.

Das Optimum wäre natürlich woanders.

Die verschiedenen Spiele der Spieltheorie erklären sehr klar, warum Spieler (Verhandler, Medianten) agieren wie sie agieren, wie sie sich verbessern oder verschlechtern und das in Abhängigkeit zu den Zügen des Gegenübers.

Bei allem Verständnis und Wertschätzung des Anderen darf man davon ausgehen, dass

  • niemand seine eigene Position verschlechtern will
  • nicht immer ein „win-win“ Ergebnis möglich ist

Für einen Mediator sind solche Erkenntnisse sehr wichtig. Noch wichtiger ist aber, was jetzt kommt.

Was macht ein Mediator eigentlich mit ökonomischen Modellen?

Ein Mediator könnte diesen Überlegungen entgegenhalten, dass ökonomische Modelle für ihn belanglos sind. Mediationsökonomie sowieso. Denn er schafft ja eh Verständnis zwischen den Medianten (mit Rapport, Spiegeln, Fragen etc.). Das reicht und er muss sich nicht noch mit ‚Informations-Asymmetrien’, ‚Transaktionskosten’ uvm auseinandersetzen. Überhaupt ist dieser naturwissenschaftliche Ansatz zwar präzise, aber man kann auch sehr präzise weit am Ziel vorbeischießen.

Ökonomische Modelle beschränken sich nun nicht auf die Feststellung, dass etwas eben ist. Sie geben oft darüber hinaus Vorschläge zur ‚Fehlerbehebung’; zeigen also, was man dagegen unternehmen könnte. Und zweitens schärfen diese (einfachen) Modelle den Blick für das Wesentliche.

Vorschläge zur ‚Fehlerbehebung’

Gerade in der Neuen Institutionenökonomie finden sich schöne Beispiele dafür, wie die verhandelnden Personen die Probleme zu bewerkstelligen suchen. Sei es bei einer adversen Selektion, der Gefahr moralischen Hasardierens oder eines Hold-Ups. Hier finden sich Beispiele für Behebungsversuche vor und nach Vertragsabschluss. Als Beispiele können Signaling, Screening oder Monitoring und Anreize genannt werden.

Während man diese Tools als jemand, der aktiv an einer Verhandlung teilnimmt, selbst einsetzen kann, kann der Mediator als allparteilicher Dritter dies nicht.

Trotzdem. Ein Mediator – der die Problemstellung erkannt hat (eben weil er sich mit der Materie auseinandergesetzt hat) – wird zwar nicht die Lösung für die Medianten bringen. Aber er kann durch geschickte Fragen die Medianten zur vermutlich tatsächlichen Problemstellung hinführen. Damit hilft der Mediator seinen Medianten enorm weiter.

Ergänzende und alternative Betrachtungsweise

Ökonomische Erklärungsmodelle können sowohl ergänzend als auch alternativ eingesetzt werden. Wenn sich die Medianten zB trotz gegenseitiger Wertschätzung und großem Verständnis füreinander nicht einigen können, dann können in diesen Fällen analytische Betrachtungsweisen gute Dienste leisten. In Fällen, wo der Konflikt gerade nicht eskaliert und dennoch eine Einigung in weite Ferne rückt, liegt der Knackpunkt nicht im zwischenmenschlichen Bereich. Andere Faktoren sind Ursache für die Nicht-Einigung und diese werden durch ökonomische Erklärung häufig pointiert und zugespitzt dargestellt. Nachdem ökonomische Modelle eben nicht nur eine Situation festhalten und beschreiben, sondern – wie oben dargestellt – oft auch Lösungsvorschläge bringen, kann eine solche ergänzende Betrachtung für eine Lösung hilfreich sein.

Auch ein alternativer Blick auf einen Konflikt kann für den Mediator und die Medianten die Perspektive erweitern und so zur Einigung beitragen. Auch eine Konflikt-Eskalation oder Streitverschärfung kann ihre Wurzeln in einem ökonomischen Problem haben und ist nicht zwingend auf sonstiges Zwischenmenschliches zurückzuführen.

Rationale statt ‚Passt-scho’ Vereinbarungen

Die Medianten sollten eine Vereinbarung treffen, die ihnen beiden einen Vorteil verschafft. Die ökonomische Betrachtungsweise fördert diesen Ansatz. Es sollte keine sogenannte ‚Passt-scho’ Lösung sein. Eine Vereinbarung die vor lauter Freude darüber geschlossen wurde, dass man sich endlich besser versteht. Auch in der Mediation unter Privaten muss ein gewisses Maß an Professionalität in der Lösungsfindung und –auswahl im Vordergrund stehen.

Indem die ökonomische Betrachtungsweise die rationale Sicht auf die Dinge betont, legt sie zugleich die Rutsche für eine sehr rationale Lösung.

Fokussierung, Trennung des Wesentlichen vom Unwesentlichen

Ähnlich wie ein rechtswissenschaftliches Studium schärft die ökonomische Betrachtungsweise den analytischen Verstand. Auch ein Jus-Studium versetzt den Absolventen noch nicht in die Lage jede Rechtsfrage korrekt zu lösen oder einen Prozess zu führen. Aber ein Absolvent hat gelernt, einen Sachverhalt durch die analytische Brille zu betrachten und das für den Fall Wesentliche vom für den Fall Unwesentlichen zu trennen. Ähnliches gilt für den Ökonomen. Der ökonomische Betrachtungsweise fokussiert auf das für sie Wesentliche und lässt alles andere beiseite.

Gleichzeitig ermangelt es der ökonomischen Betrachtungsweise an Phantasie, Empathie und Moralität. Das alles sind keine ökonomischen Kriterien.

Aber ein Mediator, der auch ökonomische Modelle versteht …?

Mediationsökonomie

Mediationsökonomie – the economics of mediation? Das ist – wie erwähnt – keine wissenschaftliche Disziplin. Am ehesten könnte man dieses Thema im Rahmen der Rechtsökonomie mitbetrachten. In einigen Bereichen gibt es zwischen einer Mediationsökonomie und der Rechtsökonomie sicherlich Überschneidungen.

In der Rechtsökonomie fragt man sich, wie sich Rechts-Normen auf das Verhalten auswirken und ob diese Auswirkungen auch gesellschaftlich erwünscht sind (VO Ökonomische Analyse des Rechts, Prof. Weigel). In der Mediationsökonomie könnte man sich ähnliche Fragen stellen (zB: angenommen, es gebe eine rechtlich verpflichtende Mediation vor Einreichung einer Klage). Auch wenn wohl andere Fragen im Vordergrund stehen dürften.

Trotzdem, denke ich, kann eine ökonomische Betrachtungsweise von Konflikten, Verhandlungen und Mediationen für alle Beteiligten enorme Vorteile bringen. Wie wir gezeigt haben, nicht nur in der Konfliktlösung. Sondern eben auch welche Lösungsmechanismen warum gewählt werden (Beispiel oben), warum Konflikte entstehen, warum sie nicht immer so einfach gelöst werden und – dieses bedeutende Thema haben wir hier völlig ausgelassen – wie man Vereinbarungen zur Konfliktlösung schlussendlich durchsetzt.

Für Mediatoren ist eine ökonomische Betrachtungsweise menschlichen Verhaltens zusätzlich zur gängigen Betrachtung eines Mediators wohl ein Zugewinn für ihre Berufsausübung.



Beitragsbild beeboys / Shutterstock

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