Interview: Diversity Management im AMS Wien (Teil 1/2)

Teilen:
Johannes Simetsberger Beauftragter für Behinderung Bereich Diversity Management im AMS Wien
Johannes Priebsch

Johannes Priebsch

Mediator & Partner bei geschlichtet!
Mediator in Wien. Schwerpunkte Behindertengleichstellung, Start-Ups und Wirtschaftsmediation. Auf Deutsch, Italienisch und Englisch.
Johannes Priebsch

Erfahren Sie in einem ausführlichen Interview mit Johannes Simetsberger, wie das Thema Diversity im AMS Einzug findet und was Diversity Management für ihn selbst bedeutet. Sehen Sie im ersten Teil, was er tagtäglich bewegt, um Menschen und Firmen zusammenzubringen. Finden Sie heraus, wie Sie als Unternehmen Menschen mit Begünstigung anstellen und Feldkompetenz in diesem Bereich aufbauen können. Lesen Sie im zweiten Teil welche Hebel und Förderungsmöglichkeiten Sie beim AMS in Bewegung setzen können, wenn sie „Unterstütz mich!“ sagen und erfahren Sie was Kunst und Diversity gemeinsam haben.

Diversity Management im AMS

Wir befinden uns hier in der AMS Landesgeschäftsstelle (Wien) im Bereich Diversity. Was passiert hier? Was genau ist ihre Aufgabe hier?

Diversity Management beim AMS in Wien ist eine einzigartige Sache österreichweit. Da geht es darum, dass wir die verschiedenen Kern-Dimensionen der Diversity, die am Arbeitsmarkt besonders relevant sind, mit Menschen besetzen. Wir haben zwei Frauen für die Bereiche Gender. Es gibt einen Kollegen, der kümmert sich um das Thema Generationen. Eine Kollegin beschäftigt sich mit dem Thema Migration. Mein Thema ist das Thema „Fähigkeiten“, „Behinderung“, gesund/krank. All diese Bereiche arbeiten sowohl intern (mit Kollegen) als auch extern (mit Kooperationspartnern, Kunden).

Das Diversity Management ist eine Stabsstelle im AMS Wien und damit direkt der Landesgeschäftsführerin zugeordnet. Das zeigt die Wertigkeit, die wir innerhalb des AMS haben. Wir schauen über den ganzen Bereich, also alle Fachabteilungen drüber und achten darauf, dass unsere Zielgruppe – in meinem Fall Menschen mit Behinderung oder mit chronischen Erkrankungen – bei den Kursen nicht zu kurz kommen und wir sie auch intern im AMS nicht vergessen.

Diversity und Inklusion

Das Wort Diversity fällt in den letzten Jahren immer öfter: Was verstehen sie darunter? Warum wird es in der Gesellschaft immer wichtiger?

Man muss zu allererst unterscheiden: Der Zugang, den wir als AMS Wien haben, ist der betriebswirtschaftliche Zugang. Also, wie kann man die Vielfalt für eine Organisation nutzen. Das ist auch in meinem Feld (Menschen mit Behinderung) das Schwergewicht, wie die Organisation das anlegt. Wir haben zum Beispiel verschiedenste Kolleginnen hier und sehr viele davon mit Migrationshintergrund. Da schauen wir, wie kann man diese Vielfalt und dieses Merkmal nützen.

Mein persönlicher Zugang ist ein anderer: Ich sehe das (Diversity Management) viel mehr als Inklusionsmanagement. Ich komme nicht von der betriebswirtschaftlichen, sondern von der ethisch/moralischen Seite. Ich sehe das als gesellschaftspolitischen Auftrag an mich.

Behinderung ist natürlich ein wunderbares Pickerl, dass man aufkleben kann. In diesem Sinne geht es darum mit diesem Pickerl zu arbeiten und Rahmenbedingungen zu schaffen, dass man das Pickerl nicht mehr bemerkt.

Die Umsetzung

Wie erreichen Sie das? Gibt es da unterschiedliche Herangehensweisen?

Das AMS hat prinzipiell 3 Kernprozesse: 1. Arbeitssuchende Menschen, 2. Betriebe (als Kundinnengruppen), und 3. Öffentlichkeitsarbeit. All diese Felder, inklusive der Support-Leistungen für die Personalabteilung, werden in bestimmter Hinsicht von uns bedient.

Der älteste Teil, den es in ganz Österreich gibt, ist der der beruflichen Rehabilitation. Das heisst: “Mir passiert etwas, ich muss umgeschult werden”. Da haben wir in den letzten Jahren miteinander ein Netz von mittlerweile 35 Spezialberaterinnen und -beratern aufgebaut, die an Spezialschaltern, mit ihrem speziellen Know-How Beratungen geben.

Das sind Berater mit einer Spezialausbildung, die sich gut auskennen im Feld “Behinderung“ und Gesundheit/Krankheit und die eben über das AMS hinaus das Angebot kennen, dass es in Wien gibt. Das ist die Seite für Arbeitssuchende.

Weiters haben wir eine Gruppe von Wissensmultiplikatorinnen aufgebaut: Das sind Beraterinnen die mit Firmen arbeiten und Jobs akquirieren. Diese haben bezüglich BGStG besondere Schulungen erfahren und können Firmen damit fachlich gut beraten. Sie suchen Stellen speziell für 1200 Menschen mit Begünstigung, die arbeitssuchend sind. Das ist der zweite große Bereich.

Der dritte Bereich ist der klassische blinde Fleck in Expertinnen-Organisationen: „wie gehen wir mit den eigenen behinderten Angestellten um?”

Begünstigte Mitarbeiter im AMS

Bezieht sich das jetzt auf behinderte Kolleginnen und Kollegen im AMS selbst?

Ja, genau. Es geht dabei um Kolleginnen, die einen Bescheid, also eine Begünstigung, haben: Das sind in unserem Fall potentiell 60 von 1600 Mitarbeitern in Wien. Ich habe eine Focus-Gruppe gegründet, in der ich allerdings, da selbst in diesem Fall nicht betroffen, nur die Moderation übernehme. Da geht es um Informationsgewinn, wie die Arbeitsbedingungen (intern) ausschauen. In unserem Fall geht es sehr stark um körperliche Einschränkungen, wie zum Beispiel chronische Erkrankungen. Weniger um klassische Behinderung.

Und dann gibt es einen vierten ganz wichtigen Bereich: Recruiting/Personal (im AMS). Da haben wir jetzt zwei Kolleginnen mit Sehbehinderung, die als reguläre MitarbeiterInnen im AMS aufgenommen wurden. Dabei geht es um das Thema Barrierefreiheit und darum, für uns unsichtbare Barrieren sichtbar zu machen: Und diese dann abzubauen. Bei Recruiting geht es dann um das Ausleseverfahren „wie barrierefrei ist das denn?“, „wie geht es mir, wenn ich schlecht sehe mit dem Computer.” Das geht dann noch viel weiter.

Und ein mir besonders wichtiges Feld, dass haben sie im Foyer beim Reinkommen vielleicht gesehen, ist, dass ich ein bis zweimal im Jahr Künstler einlade, die selbst betroffen sind, und Werke von Ihnen hier im Haus ausstellen. Heuer sind es Fotografien. Da geht es darum present zu sein und eine Aktion in der Öffentlichkeitsarbeit zu setzen.

Begünstigte Mitarbeiter in Unternehmen

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Unternehmen?

Wir müssen da noch mehr für Unternehmen machen, und schauen, dass da mehr Wissen hineinkommt. Ich denke die Felder sind klar: Es geht da um Information, Konfrontation und Sensibilisierung. Das ist am Arbeitsmarkt nicht viel anders.

Das was beim Arbeitsmarkt anders ist, ist, dass die Situation viel konkreter ist. Da sehe ich auch die Chance, dass das AMS viel konkretere Zugänge hat, eben weil ich ein großes Potential von für den Arbeitsmarkt fähigen Leuten habe, die zur Verfügung stehen. In meinem Bereich sind das eben 1200 begünstigte Behinderte.

Und auf der anderen Seite habe ich riesige Firmenpools, wo tagtäglich BeraterInnen draussen sitzen und fleissig mit Firmen zusammenarbeiten. Das kann ich natürlich nutzen für unsere Sache. Klar, da werde ich sagen: „ihr braucht die Leute, wir haben die Leute“ genauso wie es in den restlichen Feldern funktioniert.

Meine Aufgabe ist da, einen Focus zu setzen und die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken und auch konkreJohannes Simetsberger Beauftragter für Fähigkeiten Bereich Diversity AMS Wiente Maßnahmen abzuleiten. Da braucht es dann Abläufe und Organisation. Wenn man dann vor Ort ist, klappt das mit den Firmen.

Es gibt da tolle Firmen, die gerade jemanden suchen. Da muss ich dann sicherstellen, dass ich den Gesamtpool erreiche. Und dann zusammen mit den Arbeitsassistenzen und den Spezialberaterinnen daran arbeiten, „Menschen und Arbeit zu verbinden”. So wie andere im AMS auch. Nur, dass wir im Feld Behinderungen halt massiven Aufholbedarf haben, weil es das in dieser Form so nicht gegeben hat.

„Bitte, das gibt es auch im Angebot”

Wie werden Firmen auf Sie aufmerksam?

Wir haben natürlich Produktblätter und es gibt Förderungen. Nur wenn du mit denen nicht rausgehst, dann erreichst du die Firmen nicht. Das ist aber umgekehrt nur ein Beispiel dafür, wenn man reaktiv arbeitet. Wenn die Kolleginnen rausgehen, und Betriebsbesuche machen, haben sie auch Arbeitssuchende mit Behinderung im Portfolio. So wie ich auch ältere Arbeitslose habe. Das muss ganz selbstverständlich sein. Ich hab Arbeitslose mit Begünstigung die viel können. „Bitte, das gibt es auch im Angebot”!

Das ist eine ganz konkrete Maßnahme und ein ganz konkretes Feld, wo wir auch jetzt schon merken, dass das funktioniert. Die Stellen werden viel mehr dadurch.

Arbeitslos mit Feststellbescheid

Für Menschen mit Festellungsbescheid ist es trotzdem nach wie vor schwieriger aus der Arbeitslosigkeit rauszukommen. Widerspricht sich das oder braucht es noch Zeit?

Nein, Zeit braucht es keine. Zeit war genug! Das Thema ist, man muss ganz genau hinschauen, meines Erachtens. Es ist wichtig, dass man sich das genau anschaut. Das eine ist die Taxe, nämlich die Solidarabgabe, die man bezahlt, damit ein gewisser Bereich unserer Gesellschaft finanziert werden kann.

Die andere Geschichte ist, mit diesen Pauschalverurteilungen aufzuhören… auch den Unternehmen gegenüber. Ich kenne extrem aufgeschlossene KMUs, aber auch große Betriebe mit denen wir auch zusammengearbeitet haben, und die da viel getan haben.

Wenn man über das Ganze drüber schaut, ist es erstens sowieso schwieriger für Menschen mit Behinderung und zweitens wird das dann so nivelliert, dass es so aussieht, als würde es gar niemanden mehr geben, der sich dafür interessiert. Da muss man wirklich sehr differenziert hinblicken.

Natürlich haben Sie diese Beispiele, die es nämlich genau nicht interessiert. Aber ich habe eben auch Beispiele die wirklich engagiert waren.

Was können Unternehmen tun?

Denken Sie, dass alle Unternehmen eine Stabsstelle, wie Sie sie im AMS Wien haben, bräuchten?

Wenn ich mir anschaue, was wir alles entdeckt haben durch die Aufnahme der beiden (sehbehinderten) Kolleginnen, ja. Da brauchst du einfach eine Stabsstelle, wie bei uns, die sich darum kümmert und die ganzen Player, wie die Arbeitsassistenz ins Boot holt und koordiniert.

Da brauchst du jemanden der eine Ahnung hat, was es heisst Barrieren zu haben und nicht zu haben. Egal ob er/sie selbst betroffen ist, ich brauche das Wissen. Also wo es ungefähr ecken kann, und das kann ich mir bei Betroffenen holen. Und ich brauche ja sowieso soviel Wissen. Es hilft mir ja nichts, wenn ich selbst eine Sehbehinderung habe: dann kenne ich ja nur meine Barrieren. Wenn jemand eine Hörbehinderung hat oder eine körperliche Behinderung, muss ich mir das Fachwissen holen. Da brauche ich nur zu wissen, da rufe ich den soundso an. Da brauche ich keine Fach- sondern eine Feldkompetenz. Darum muss man sich solche Stabsstellen leisten, wenn man das ernsthaft betreiben will. Weil unsere Personalistinnen oder Personalisten egal in welchem Laden sind da überfordert. Klar.

Widerstände in Unternehmen

Und auch nicht konkret geschult dafür…

Meistens nicht und das ist auch unfair, dann denen die ganze Last umzuhängen und zu sagen, “warum rekrutiert ihr nicht?”. Wenn mir dabei nicht klar ist, dass ich, wenn ich rekrutiere, die Hälfte der Leute schon einmal weg habe, weil sie die Sprache nicht verstehen. (also im Migrationsbereich zum Beispiel).

Aber es ist natürlich in unserem Bereich genauso… Bei Sinnesbehinderung geht es da noch viel weiter. Da geht es ums Hineingeleiten: Diese ganzen Widerstände, die es gibt, diese unendliche Angst vor dem Thema Behinderung abzubauen. Das ist auch zutiefst menschlich. Aber der Punkt ist, da brauch ich Unterstützung, da brauche ich Begleitung, da muss mir jemand sagen “fürchte dich nicht. Da passiert nix. Nimm’s wie’s is, und ich begleite dich wie du bist.”

Unterstützungsangebote

Wie können sie Unternehmen beraten? Was sind da konkrete Maßnahmen, zu denen Sie Unternehmen raten können?

Wenn es interessierte Personalistinnen gibt, können die sich an unser (AMS Wien) Service für Unternehmen mit Fragen hinwenden.

Ich kann mir (als Unternehmen) entweder in-house die Feldkompetenz erarbeiten: Also, an wen ich mich wenden kann und wie ich Barrierefreiheit herstellen kann. Als einfache Personalistin kann ich mic aber auch ans AMS Wien wenden. Darüber hinaus speziell über Arbeitsassistenzen, Förderangeboten, Arbeitsplatzadaptierungen informiert das Sozialministeriumservice (SMS).

Es gibt eine unendlich lange Liste an Unterstützungangeboten. Es gibt da viel mehr Angebot als genutzt wird. Und da geht es einfach darum rauszutreten, zum AMS Wien zu gehen und sich dort beraten zu lassen. Die (Berater) kommen auch gerne in die Firmen rein. Das ist überhaupt nicht das Thema, und geben dann eine saubere Beratung über Lohnförderungen von uns (AMS) und Anschlussförderungen vom SMS…

Geben Sie da Informationen über bestehende Infrastruktur und Angebote?

Absolut, genau. Das ist vergleichbar mit der Situation, wenn sie arbeitslos werden und von Behinderung betroffen sind. Sie werden innerhalb von kürzester Zeit das Angebot kriegen, dass es eine Spezialberaterin gibt.

In beiden Fälle gibt es unglaublich viele Angebote. Genau darum gibt es ja die Fachberatung. Mein einziger Schritt ist der, dass ich (von mir aus) sagen muss: “Unterstütz mich!”…

Was dann passiert erfahren Sie im zweiten Teil des Interviews: Arbeitssuche mit Behinderung im AMS Wien (Teil 2/2)

 

Teilen: