Interview: Herbert Hametner über Barrierefreiheit (Teil 2)

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Johannes Priebsch

Johannes Priebsch

Mediator & Partner bei geschlichtet!
Mediator in Wien. Schwerpunkte Behindertengleichstellung, Start-Ups und Wirtschaftsmediation. Auf Deutsch, Italienisch und Englisch.
Johannes Priebsch

Im zweiten Teil des Interviews mit Herbert Hametner erfahren Sie, wie ein blinder Mediator arbeiten könnte und wie es um die Barrierefreiheit im Alltag blinder und sehbehinderter Menschen steht: Was hat sich bereits zum Positiven verändert und wo gibt es noch Aufholbedarf. Lesen Sie wie eine Simultan-Audio-Deskription im Stadion funktioniert hat und warum man weder Blinde noch Touristen ohne zu fragen über die Straße zerren sollte. 

Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier!

Blinden Mediator einstellen

Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit mit Unternehmen? Wenn wir als Kanzlei einen blinden Partner einstellen möchten, was könnten sie für uns tun?

Wir können Sie beraten, was zu beachten ist, damit das funktioniert. So braucht ein blinder Mediator eine Arbeitsausstattung, die blindengerecht ist, und damit von öffentlicher Hand finanziert wird.

Dieser Mediator wird von der Mobilität her bestimmte Rahmenbedingungen brauchen: Sie können nicht erwarten, dass er um 9 Uhr dort ist und um 10 Uhr da… Das heißt, er wird vielleicht länger brauchen, oder man muss ein Taxi zahlen. Vielleicht kann man auch andere Strategien und Rahmenbedingungen finden, damit er die Tour machen kann. Er wird vielleicht nicht am Flipchart arbeiten, sondern, die Kunden und Kundinnen anders, zum Beispiel eher verbal informieren.

Da Mediator ein beratender Beruf, wird es vermutlich nicht so viele Hindernisse geben. In anderen Berufe, wo ich sehr flexibel sein, oder viel (visuelle) Information in kurzer Zeit bearbeiten muss, schon eher.

Barrierefreiheit: Produkte der Inklusion

Zum Thema Technik. Hilfsmittel. In welche Richtungen entwickelt sich die Technik, um sehbehinderten Menschen den Alltag, aber auch Beruf zu erleichtern?

Ich sehe da sehr viele Dinge, die sich tun. Wenn ich mir die Hilfsmittel vor 20 Jahren anschaue und Hilfsmittel, die jetzt verfügbar sind. Da sehe ich wirklich eine Entwicklung! Und jetzt nicht nur was Hilfsmittel als solche betrifft, sondern im Bereich der Geräte des täglichen Gebrauchs – die alle Menschen verwenden – bei denen hier der inklusive Ansatz gewählt wird.

Bei Apple-Produkten zum Beispiel: Wenn ich meinen Kollegen anschaue, wie der sein iPhone verwendet – sage ich „wow!“ – das ist kein Hilfsmittel mehr, das ist ein gelebtes Produkt der Inklusion. Er kann seine E-mails lesen, er kann seine Nachrichten (SMS) lesen, er kann im Internet surfen, Kontakte eintragen und wiederfinden. Kurz um, er kann alle notwendigen Dinge damit machen, ohne dass es als Hilfsmittel gilt. An solchen Beispielen sieht man, dass sich viel getan hat.

Bei den Verkehrsmittel der Wiener Linien sehe ich auch, wie die immer inklusiver werden: Die machen sich Gedanken, für unterschiedliche Zielgruppen und Einschränkungen. „was kann ich machen, damit ich barrierefrei werde.“ Diese Entwicklung hat einen Nutzen für die Gesellschaft generell.

Ganz Positiv wäre sie, wenn wir nicht mehr von Hilfsmitteln sprechen würden, sondern von Produkten des Alltags, die wir alle nutzen können und zu denen wir alle Zugang haben. Wo Sehende und Nicht-sehende sowie Rollstuhlfahrer die gleichen Möglichkeiten haben, wie alle anderen.

Barrierefreiheit: Komfort für alle Menschen

… Ästhetik vs. Funktionalität…

Ästhetik ist schon wichtig, aber wenn ich soziale Einrichtungen besuche, die auch Projekte mit behinderten Menschen machen: Die haben dann Glastüren, wo die Aufschrift sandgestrahlt sind, was ich als Sehender schon nicht ausnehmen kann. Dann denke ich mir, das ist verfehlt. Anstatt, dass ich es leicht sichtbar mache, „das ist die Türe, „da ist die Firma“ …

Oder Visitenkarten… dass es immer noch Firmen gibt, die Visitenkarten machen, die ich als 40-jähriger nicht lesen kann, wenn ich meine Brillen vergessen habe. Dann frage ich mich schon, vielleicht müssen wir Styling und Ästhetik überdenken! für solche Dinge…

Ich muss mir die Frage stellen. Will ich Komfort für alle Menschen haben. Ist es wichtig, dass alle Menschen den gleichen Komfort haben und gleichzeitig möglichst niederschwellig hier eine Beschilderung zu machen? Es handelt sich hier um Kleinigkeiten, die aber für den Einzelnen trotzdem wichtig sind!


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Es sollten bei solchen Planungen auch möglichst breitgefächert Zielgruppen eingebunden sein, die nicht nur auf Behinderungen achten, sondern auch überlegen, wie schaut es aus im Alter? Mit dieser Information und indem ich das möglichst breit gestalte, kann ich natürlich Inklusion viel leichter umsetzen, als wenn ich solche Dinge nicht beachte.

Das ist eine Win-win-Situation: Was bedeutet das zum Beispiel, wenn ich bei Visitenkarten, die Schrift einfach größer mache und den Kontrast erhöhe. Ja, das schaut vielleicht weniger stylisch aus, hilft aber vielen Menschen dabei, dass auch sie das lesen können.

visitkarte herbert hametner klein groß

Wünsche und Pläne

Was für Wünsche und Pläne oder Projekte haben Sie, die Sie in Zukunft umsetzen möchten?

In der beruflichen Assistenz suchen wir immer Nischen-Arbeitsplätze: Was wir uns da wünschen würden, wäre, dass sich Firmen mehr öffnen. Andere Länder haben gezeigt, dass es auch funktioniert! Also weg vom klassischen Denken: das geht, das geht nicht. Dinge einmal auszuprobieren.

Auch, dass sich die Gesetzgeber mehr öffnen. In Deutschland zum Beispiel gibt es Physiotherapie-Ausbildungen für Blinde. Bei uns gibt es das nicht einmal. Wir haben jetzt die Geschichte mit den medizinischen Tast-Untersuchungen. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, wo man das auch bewusst einsetzen kann, dass jemand blind ist. Ich glaube, dass es sehr viele Berufe gibt, die man da wirklich etablieren kann. Wo es keine Minderleistung gibt: wo man die „Schwäche“ zu einer Stärke machen kann! Hier gibt es einige Möglichkeiten.


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… und Projekte …

Man muss sich ja immer an der eigenen Nase nehmen. Was kann man in der eigenen Organisation verändern, um Barrierefreiheit herzustellen. Wir sind zwar der Blinden- und Sehbehindertenverband, das heißt aber nicht, dass wir 100% barrierefrei sind.

Optimal wäre es, dass man nahezu in jeder Position – vielleicht nicht der Zivildiener, der mit dem Auto fährt – jederzeit auch einen blinden Mitarbeiter beschäftigen kann. Das wäre ein hehres Ziel. Was muss man tun, dass man da sehr offen ist. Das heißt zum Beispiel, dass man auch Systeme (EDV), Kopieren…, dass man möglichst viele Dinge so gestaltet, dass sie von Blinden oder sehbehinderten Menschen leichter bedienbar sind.

Was wir erst einmal in unserer Selbsthilfe-Organisation umsetzen müssen, das können wir gar nicht von der Gesellschaft verlangen. Was kann man im unmittelbaren Umfeld machen, damit Dinge barrierefrei sind? Im Arbeiten mit Mitarbeitern, mit Kollegen, mit Projektpartnern. Man muss da gar nicht weit schauen, um zu erkennen, dass es da noch viele Verbesserungsmöglichkeiten gibt.

Audio-Deskription im Stadion

Wo wir gerade vom unmittelbaren Umfeld sprechen… Ich erinnere mich an eine Situation, wo ich versucht habe einem sehbehinderten Passanten einen Weg zu erklären? Das kann ganz schön schwierig sein!

Das hat mit Erfahrung zu tun. Da muss man Kommunikation auch schulen. Ein Beispiel: Ich war mit einem Praktikanten ein Fußballspiel anschauen, im Stadion, und seine Audio-Deskription hat nicht funktioniert.  Also habe ich versucht, ihm während des Spiels zu sagen, was gerade auf dem Spielfeld passiert. Das war anstrengend und ich musste mir immer überlegen, wie beschreibe ich die Situation, damit er auch wirklich etwas damit anfangen kann.

Da braucht man sehr viel Routine, um Menschen auch zum Beispiel einen Weg zu beschreiben. Wichtig ist auch Rückmeldung zu geben und einfach Dinge auszuprobieren ohne sich davor nicht scheuen.

Ein anderes Beispiel: Ich war auch mit jemandem unterwegs – das war witziger Weise auch bei einem Stadionbesuch – und der Security hat mit mir gesprochen, während er den Blinden abgetastet hat. Unter dem Motto: „eigentlich kann ich mich mit dem (Blinden) jetzt gar nicht unterhalten“ Das war total skurril.

Da habe ich dann gesagt: „Warum unterhalten sie sich jetzt nicht mit ihm und fragen ihn direkt?“.

Man muss da unbeschwert und neugierig sein, eben auf jemanden zugehen statt wegzuschauen. Aber da sind wir wieder bei der Gesellschaft: Das ist ein generelles Problem, dass wir nicht mehr lernen hinzuschauen und auf Leute zuzugehen.

Um das geht es auch wenn man jemandem den Weg erklärt. Sich im Alltag die Zeit zu nehmen, obwohl man es gerade eilig hat. Sich ganz bewusst die 5 Minuten zu nehmen und nicht wegzuschauen. Geduld und Zivilcourage zu haben.

Über die Straße gezerrt

Schon der Einstieg in so ein Gespräch fällt vielen schwer. Haben Sie da Tipps?

Da gibt es einfache Richtlinien: Das man einen blinden Menschen nicht einfach angreift, sondern das vorher ankündigt.

„Darf ich Ihnen helfen. Brauchen sie Hilfe?“. Vielleicht wartet der nur auf einen Freund oder auf ein Taxi. Da gibt es ja bizarrste Situationen, wo Blinde über die Straße gezerrt werden, obwohl sie nur auf die Straßenbahn oder einen Freund warten.

Also besser ankündigen und fragen! Wie man auch jemanden mit dem Reisekoffer fragt, der nicht aus Wien ist, „brauchen Sie Hilfe? Suchen sie ein Hotel?“ Den nimmt man ja auch nicht und zerrt ihn am Arm ins nächste Hotel. Ganz einfache Verhaltensregeln und es auch zu ertragen, dass es ok ist, wenn der Blinde sagt, nein danke, oder ich brauche nicht ihre Hilfe! Nicht böse sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

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