Ein Studium frei von Barrieren

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Johannes Priebsch

Johannes Priebsch

Mediator & Partner bei geschlichtet!
Mediator in Wien. Schwerpunkte Behindertengleichstellung, Start-Ups und Wirtschaftsmediation. Auf Deutsch, Italienisch und Englisch.
Johannes Priebsch

(Foto: Shutterstock)

Das ist für Studierende mit und ohne Behinderung das Ziel. Ich möchte hier aber nicht über Zugangsbeschränkungen zu Studien und deren Sinn oder Unsinn sprechen, sondern darüber wie Studierende mit Behinderung ihr Studium unter Berücksichtigung ihrer Einschränkung abschließen können.

Ich habe selbst mein Studium mit Behinderung abgeschlossen. Eben nicht „trotz Behinderung“, sondern im Versuch meine besonderen Bedürfnisse in Bezug auf Prüfungsmodi mit den Voraussetzungen der Uni in Einklang zu bringen.

Im Folgenden teile ich wichtige Informationen und hilfreiche eigene Erfahrungen, die Dir helfen Barrieren im Studienalltag abzubauen.

Frei von Barrieren

Das österreichische Hochschulgesetz nennt die “besondere Berücksichtigung der Erfordernisse von behinderten Menschen“ als einen seiner leitenden Grundsätze. Zu dessen Umsetzung gibt es auf jeder Uni eine(n) Beauftragte(n) für Studierende mit Behinderung. Frei von Barrieren ist das Ziel!

Was kann man das erreichen?

Das österreichische Hochschulgesetz sieht „ein Recht auf abweichende Prüfungsmethoden vor, wenn die Behinderung die Ablegung der Prüfung in der vorgeschriebenen Methode unmöglich macht, und der Inhalt und die Anforderungen der Prüfungen durch eine abweichende Methode nicht beeinträchtigt werden.“ Das heisst: Prüfung mit gleichem Inhalt + gleicher Leistung, aber anderer Modus.

Die Barriere

Die Beauftrage für Studierende mit Behinderung war diesbezüglich meine erste Ansprechperson. Meine Barriere war, dass ich die Prüfungen nicht im normalen Modus ablegen konnte. Warum? Mein Problem war die Handschrift: durch das Zittern meiner Hand, war es mir nicht möglich, Prüfungen schriftlich, gleich schnell, oder gleich akkurat, wie meine Mitstudenten abzulegen.

Auch das Rechnen von Übungsbeispielen, ob auf der Uni an der Tafel oder zu Hause am Schreibtisch braucht mit einer solchen Einschränkung einfach mehr Zeit. Das führte mitunter zu mehr Stress, geringerer Konzentration und alles in Allem zu langsamerem Studien-Fortschritt.

Abweichender Prüfungsmodus

So hatte ich konsequenter Weise bei schriftlichen Prüfungen regelmäßig schlechtere Noten, als meine Kollegen und es kam auch oft vor, dass ich die Prüfung nicht schaffte. Und das, obwohl ich gleich viel wie oder sogar mehr als meine Kollegen gelernt hatte. Das war ganz schön frustrierend.

Bei mündlichen Prüfungen war es anders. Da schnitt ich wesentlich besser ab: das kann natürlich auch daran gelegen sein, dass ich bei der mündlichen Prüfung als Behinderter erkannt wurde, wo hingegen die schriftliche Prüfung diesbezüglich anonym war.

Bei einer schriftlichen Arbeit trägt hässliche oder schwer bzw. nicht leserliche Handschrift nicht gerade zur besseren Laune des Korrektors bei. Das habe ich als Studienassistent beim Korrigieren von Klausuren auch aus der anderen Perspektive kennengelernt. Wenn man ein Ergebnis nicht lesen kann, möchte man es auch nicht als richtig beurteilen.

Wie kommt man zu einem abweichenden Prüfungsmodus?

Die Beauftragte für Studierende mit Behinderung hatte mir geraten persönlich mit den Prüfern zu sprechen: ihnen das Problem zu erläutern und gemeinsam eine Lösung zu finden. Die Idee an sich ist gut, da so das individuelle Problem zu zweit von den Betroffenen gelöst wird. Das Gespräch selbst, also die Umsetzung derselben, gestaltet sich allerdings in manchen Fällen schwierig.

Zusätzlich gibt es abhängig von der konkreten Universität folgende Instanzen, die mit dem Thema befasst sind. Diese sind in der jeweiligen Satzung festgeschrieben.

  1. Beauftragte für Studierende mit Behinderung/Studienservice (spricht Empfehlung aus)
  2. Prüfer (Persönliche Vereinbarung)
  3. Lehrgangsleiter (Antrag auf abweichenden Modus)
  4. Studienpraesis oder Vizerektor für Lehre (Bei abgelehntem Antrag)

Was macht das persönliche Gespräch schwierig?

In einem Gespräch zu zweit mit dem Professor gerät die Studierende schnell in die Position des Bittstellers, da der Professor mit der Begründung „abweichende Methode beeinträchtigt den Inhalt der Prüfung“ grundsätzlich einmal Nein sagen kann. Noch dazu ist meistens wenig Zeit für ein solches Gespräch vorgesehen und beide Gesprächspartner sind womöglich schlecht darauf vorbereitet. In Folge dessen werden schnell Vereinbarungen getroffen, die sich nach der Prüfung als unzureichend hilfreich herausstellen und damit weder Prüfling noch Prüfer in guter Erinnerung bleiben.

7 Punkte für erfolgreiche Gespräche

Die besten Ergebnisse bekommt man unter Beachtung folgender Punkte:

  • Nehmen Sie ein Attest/Behindertenpass mit
  • Bitten Sie den Professor um einen extra Termin
  • Überlegen Sie sich genau, welche praktischen Probleme sich Ihnen beim vorgesehenen Prüfungsmodus stellen
  • Überlegen Sie Möglichkeiten, wie diese gelöst werden könnten
  • Notieren Sie sich auch Argumente, die der Professor als Einwand bringen könnte („der denkt sich ja auch etwas dabei!“)
  • Schließen Sie eine schriftliche Vereinbarung ab
  • Ziehen Sie einen neutralen Dritten hinzu

Persönliche Ergebnisse…

  • Mündliche Prüfungen (optimal)
  • Schreiberling an der Seite, dem ich meine Ergebnisse zum Schluss diktierte. (mittel hilfreich)
  • Einfach mehr Zeit bei der schriftlichen Prüfung. (wenig hilfreich)

Es gibt viele Möglichkeiten und Lösungen. Wichtig ist, die zu finden, die die Barriere tatsächlich überbrücken und auch nur diese zu akzeptieren. Ist ein abweichender Prüfungsmodus festgelegt, muss dieser auch tatsächlich angewendet werden.

Was tun bei nicht-Gewährung?

Wie oben beschrieben, kann man den Weg durch die Instanzen wählen. Dadurch wird dem Prüfer der abweichende Prüfungsmodus aufgedrückt. Zumindest in der Theorie. Das ist dann weder für Sie noch für den Prüfer angenehm.

Eine weitere Möglichkeit ist mit der Unterstützung eines Mediators eine gütliche Einigung zu finden. Die Kosten für den Mediator können in solchen Fällen vom Sozialministeriumservice übernommen werden. Lesen Sie dazu: Kostenfreie Mediationen im Bereich Behindertengleichstellung

Mediation als Lösung

Der Mediator sorgt dafür, dass das Gespräch fair abläuft und Professor und Studierende auf Augenhöhe miteinander verhandeln. Das ist für beide Seiten vorteilhaft: Es ist dann extra Zeit für das Gespräch vorgesehen und so möglich für und wider eines alternativen Prüfungsmodus auszudiskutieren. Am Ende des Verfahrens haben Sie eine einvernehmliche Lösung  und eine Vereinbarung. Auf diese kann man auch potentiell in ähnlichen Fällen, mit anderen Professoren, zurückgreifen.

 

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