Interview: Arbeitssuche mit Behinderung im AMS Wien (Teil 2/2)

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Johannes Simetsberger Beauftragter für Behinderung Bereich Diversity Management im AMS Wien
Johannes Priebsch

Johannes Priebsch

Mediator & Partner bei geschlichtet!
Mediator in Wien. Schwerpunkte Behindertengleichstellung, Start-Ups und Wirtschaftsmediation. Auf Deutsch, Italienisch und Englisch.
Johannes Priebsch

Erfahren Sie im zweiten Teil des Interviews mit Diversity-Manager Johannes Simetsberger, wie das AMS Arbeitssuchende mit Behinderung unterstützt: Wie kommt ein Arbeitssuchender überhaupt zur Unterstützung und wie sieht so eine Spezialberatung aus? Gibt es einen Rechtsanspruch darauf? Wonach wird im Einzelfall entschieden? Hat man den Feststellbescheid ein Leben lang? Und zuletzt noch was hat Diversity mit Kunst zu tun?

Falls Sie den ersten Teil noch nicht gelesen haben, beginnen Sie dort: Interview: Diversity Management im AMS Wien (Teil 1/2)

Angebot für Arbeitsuchende mit Behinderung

Ist der Schritt des Arbeitssuchenden schon konkret auf Sie zu, oder reicht es, wenn man sich arbeitslos meldet, und eine Behinderung hat bzw. meldet?

Das passiert schon so in den 13 Filialen (regionale Geschäftsstellen). Entweder gibt es dort sowieso einen Spezialschalter. Wenn Sie eine Begünstigung haben, oder wenn Sie sagen Sie haben eine Behinderung oder sie wollen eine Spezialberatung oder REHA Basisberatung, dann werden Sie zu uns weitergeleitet.

Wir haben gerade heuer diesen Bereich evaluiert. Das ist wirklich bekannt bis ins letzte Eck einer Geschäftsstelle! Wenn sie jetzt konkret herkommen mit einer Behinderung, dann wissen die Leute da draussen, hier sitzen 4 Leute und die machen das. Also das gibt es natürlich schon alles.

Unterstützung und Freiwilligkeit

Wann ist man „behindert genug“ um für eine Unterstützung in Frage zu kommen? Wie ist diese nachzuweisen?

Also formal ist es bei uns so: Wenn Sie das Thema bei uns zur Sprache bringen, machen wir eine REHA Basisabklärung. Das sind 1-2 Termine, wo genau mit Ihnen geschaut wird, ob es die formale Voraussetzung gibt. Also ob Sie eine körperliche Einschränkung oder Behinderung haben, die sie mit einem Fachärztlichen Gutachten belegen können. Das kann natürlich auch der Feststellbescheid sein. Das reicht natürlich.

Und das Zweite, was sie brauchen, da das Angebot zutiefst freiwillig ist – es wird niemand gezwungen, dass er eine REHA Beratung in Anspruch nimmt – ist ein Auftrag (ans AMS): Der wird mit Ihnen bearbeitet, weil sie nicht wissen können, was auf sie zukommt. Das ist die Compliance.

Aber das schließt sich eh dann aus. Denn in dem Fall, wo es freiwillig ist, bekomme ich eh nur die Leute, die sagen “Unterstütz‘ mich, hilf’ mir einen Schritt weiter”.

Unter Anführungszeichen sind sie also “behindert genug”, wenn sie ein ärztliches Gutachten über die gesundheitliche Einschränkung haben. Dann muss man sowieso im Beratungsprozess schauen, was es wirklich braucht. Weil nur, weil ich irgendetwas (eine Einschränkung) habe, heißt es ja noch nicht, dass ich Unterstützung brauche.

Das wären ja sonst genau diese alten Aussonderungssysteme: „Wenn du begünstigt behindert bist, kommst du in die Sonderschule…“ Das ist ja genau das, was wir nicht wollen. Darum haben wir das ja von Anfang an so angelegt: Da braucht es eine Freiwilligkeit drinnen. Nur weil ein Mensch eine Sinnesbehinderung hat, ist er nicht auf Unterstützung angewiesen.


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Eigeninitiative gefragt

Wenn ein Mensch mit einer Sinnesbehinderung um Unterstützung ansucht, dann kriegt er die, aber das soll nicht automatisch passieren. Weil „Wo sind wir denn?“

Es war auch viel Arbeit in die Köpfe reinzukriegen, dass es darum geht, dass sie zu mir kommen und sagen „Unterstützen sie mich!” und nicht ich schon auf sie zu gehe und sage: „Sie haben sich jetzt geoutet. Sie haben offenbar irgendeine Behinderung. Ich helfe ihnen gleich über die Straße“

Woher weiß ich was es im Angebot gibt?

Es ist wichtig von unserer Seite die Angebote – das funktioniert ganz stark über Partnerinstitutionen – so zu streuen, damit sie als Betroffener wissen, das Angebot gibt es und entscheiden können, das brauche ich oder das brauche ich nicht.

Sie bekommen ansonsten auch eine ganz reguläre Beratung beim AMS und wenn mir die reicht, dann ist das super und passt das. Und da brauche ich jetzt sozusagen keine Zuschreibung zu setzen! Da schriebe ich Ihnen ja quasi zusätzlich was drauf, was sie gar nicht brauchen. Vielleicht wollen sie den “deppaten Stempel” nicht, und das ist die Haltung, die dahinter sein muss.

Behinderung: Immer ein Einzelfall

Was halten Sie vom BEinstG? Fluch oder Segen?

Plakat: Die Vielfalt der Marginalisierung und DiskriminierungDa müsste man jetzt unterscheiden. Da gibt es die Meinung des AMS dazu, die ich nicht weiß, und da gibt es die Meinung, die ich dazu haben kann.

Das ist die leidige Diskussion darüber, wieviel Schutz braucht es wirklich? Ich habe zwei Jobs und arbeite auch im Sozialmanagement. Dort mache ich Führungskräfte-Training für Führungskräfte aus Einrichtungen für Menschen mit Behinderung.

Das Feld und das Thema “Behinderung“ ist so schwierig, weil man immer ganz genau hinschauen muss. Weil das immer ein von … bis ist, und weil es da immer ganz individuell abläuft.

Es geht also immer um den Einzelfall…

Heute hatte ich eine Anfrage zum Thema Trisomie 21. Wo ich denen noch einmal klar gemacht habe, dass es von uns aus ein von … bis gibt: Das ASVG. Das heisst, Du bist arbeitsfähig oder Du bist eben nicht arbeitsfähig, dann darfst du bei uns nicht. Das ist sozusagen einmal die Grundvoraussetzung, dass der (Betroffene) überhaupt zu uns kommt. Wenn sie dann arbeitsfähig sind, ist es natürlich noch einmal so bunt wie auf der anderen Seite, und jetzt da zu sagen: “Nein, ich will es nicht, dass Menschen geschützt werden” das wäre ja hirnrissig.

Wir wissen ja, dass es Menschen gibt, die extrem viel brauchen. Vielleicht nicht immer, aber zu bestimmten Zeitpunkten. Da braucht es dann natürlich Schutz, sonst gar nichts! Dann gibt es natürlich Menschen, die genau in die andere Richtung gehen. Und da braucht es natürlich genau das Umgekehrte: Da brauchst es Förderung und Möglichkeiten.

Was es auf jeden Fall braucht, sind einmal gesetzliche Grundlagen. Da sind wir in Österreich bei Weitem nicht dort, wo „wir immer sein wollen”: Wir haben zwar ein BEinstG, aber was ist dann wirklich bei Schlichtungen, Klagen, Sammelklagen usw.? Was wir in Amerika (US) haben, dass die nämlich rechtswirksam wird. Dass sozusagen allen geholfen wird.


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Kein Rechtsanspruch auf Unterstützung

Das gibt es nicht bei uns?

Nein, in der Form nicht! Und das ist genau das, wo ich sage, es braucht einen Rechtsanspruch darauf. Da brauche ich kein Fürsorgeprinzip, dass ich drum betteln muss, damit ich als Betroffener irgendetwas krieg. Leider sieht es bei uns in Österreich so aus, dass man für persönliche Assistenz und andere Förderungen um jede Stunde kämpfen muss. Auch bei uns, beim AMS, hast Du keinen Rechtsanspruch… Das heisst, das ist eine Kann-Geschichte.

Da sind wir wirklich in diesen haarigen und schwierigen Diskussionen drinnen… Darum lasst es sich nicht beantworten, ob so ein Gesetz gut oder schlecht ist. Es funktioniert in manchen Bereichen absolut gut, aber es greift viel zu kurz: Es hilft mir das ganze BEinstG nicht, wenn ich eine persönliche Assistenz bräuchte, aber (stattdessen) nur 2 Stunden Freizeit bekomme, dabei aber alleine nicht raus kann – Na Super!

Da geht es um Menschenrechte, knallhart: Und so wird dann diskutiert – die Republik und der (einzelne) Mensch – so muss man das sehen. Wir setzen uns in unserer Stelle immer wieder dafür ein, dass bestimmte Förderungen möglich sind. Weil eben der Mensch eh von alleine kann.

Gut war zum Beispiel, dass man die Novelle durchgesetzt hat und gesagt hat: “Du kannst dir den Bescheid drauf kleben. Wenn er Dir was nützt, ist es gut! – Wenn du ihn nicht mehr brauchst oder magst, dann kriegst Du ihn wieder weg!”. Das ist einmal wirklich ein großer Schritt in Richtung freier Wille gewesen, weil früher einmal hast du den Bescheid ja nicht mehr weg gekriegt, wenn du ihn einmal gehabt hast.

Bescheid zurücklegen

… ich habe das auch so verstanden gehabt: „wenn man ihn einmal hat, dann hat man ihn“ – ist das also nicht mehr so?

Nein, das wurde eben geändert. Das war gleichzeitig mit der neuen Einschätz-Verordnung. Sie haben jetzt definitiv die Möglichkeit als Mensch mit Behinderung diesen Bescheid auch zurückzulegen.

Und so Erleben wir es auch tatsächlich: Wir hätten natürlich viel mehr Menschen, die einen Bescheid kriegen würden, aber ihn es aus genau diesem Grund nicht lösen. Weil sie sagen „Ich will ja nicht den Stempel drauf haben und es damit schwerer am Arbeitsmarkt haben.”

Deswegen rät man auch Menschen bei denen es nicht sichtbar ist, immer wieder davon ab, das zu tun. Aber grundsätzlich ist nix im Leben nur schlecht oder gut. So einfach läuft das Leben nicht, egal, ob es um eine Behinderung geht oder etwas anderes.

Diversity und Kunst

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie sind auch Künstler und Komponist. Was nehmen sie aus Ihrem Komponist/Künstlerdasein mit um Dinge im Bereich Diversity zu bewegen?

Ich glaub, das eine, was es sowieso verbindet, ist, dass es eine normalerweise zutiefst humanistische Haltung ist, die man als Künstler einnehmen kann, und genauso in dem man für andere Menschen was bewegen kann. Wenn man Kunst in irgendeiner Art genießt oder macht, ist man kein so roher Mensch, wie wenn man das nicht macht. Diese ganzen Verrohungsprozesse, haben ganz viel mit Kulturlosigkeit und Sprachlosigkeit zu tun.

Von da kommt dieser Frust oft her. Und in dem Moment, wo sie die Kunst machen, passiert in der Regel zumindest ein bisschen was anderes. Es gibt natürlich auch Kraft und das gehört zum Menschsein dazu. Also Kunst zu machen gehört da genauso dazu wie “behindert” zu sein oder “nicht-behindert” zu sein.

Es gibt wieder Überschneidungen: Aktionen, die wir auch gemeinsam machen, eben wie zuletzt diese Ausstellung. Da spielt das immer eine Rolle. Ich habe auch eine sehr gute Bekannte, Künstlerin und selbst betroffen, wo wir uns überlegt haben gemeinsam etwas zu machen, das werden wir wahrscheinlich im Anfang März angehen, mal schauen ob wir da irgendwas zusammenbringen.

Die Kunst verbietet dieses “Du bist Du, weil anderes Pickerl”, weil wenn da jetzt ein Bild hängt kann ich dich nicht ausschließen. Ich kann dich nur in den Raum nicht rein lassen, aber ich kann dir nicht verbieten das Bild zu sehen, wenn du da vorbeikommst.

Danke für das Interview.

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